„Aufbau und Institutionalisierung einer Kunsthalle für Zeitgenössische Kunst in Berlin“

These:

Die Frage nach einem geeigneten Ort für eine Berliner Kunsthalle ist von großer Bedeutung. Allerdings sollten mit der Entscheidung folgende grundlegende Voraussetzungen geklärt werden:

 

Institutionelle Verankerung im Haushalt:

Eine Kunsthalle in Berlin muss eine institutionelle Verankerung und Förderung durch das Land Berlin erfahren. Für die Ausstattung, die Programmplanung und die Vorbereitung internationaler Kooperationsvorhaben ist ein gesicherter Planungsvorlauf von mind. 3 bis 4 Jahren notwendig, der nur auf einer soliden finanziellen Basis erfolgen kann. Die Absicherung muss substantiell im Landeshaushalt erfolgen und kann nicht vom Erfolg einer Drittmitteleinwerbung oder Sponsoring Aufkommen abhängig gemacht werden.

 

Architektonische Voraussetzungen:

Um den Anforderungen der zeitgenössischen Kunst-Präsentation gerecht werden zu können, muss der gewählte Ort eine größtmögliche Flexibilität gewährleisten. Das kann mit Einbauten (z.B. Kunstmuseum Wolfsburg) oder einem flexiblen architektonischen Wandsystem (z.B. Galerie für zeitgenössische Kunst, Leipzig) geschehen. Strategien und Entwicklungen zeitgenössischer Kunst benötigen gleichzeitig großzügige und auch kleinteilige, helle und abgedunkelte Räume. Gerade in großzügigen Shedhallen muss diese Flexibilität gewährleistet werden mit einer intelligenten architektonischen Lösung. Kunsthallen/Museen/Kunstorte von heute müssen Kommunikationsorte sein und den unterschiedlichsten Anforderungen Räumlichkeiten bieten. Es müssen also von vornherein die unterschiedlichsten Nutzungsanforderungen mitgedacht werden: die Aufenthaltsqualität in den Ausstellungsräumen anbieten (Palmgarten-Idee der Documenta 12); Tagungs-, Veranstaltungs-, Filmräume vorhalten; eine angemessene Gastronomie, die auch für künstlerische Strategien und Umnutzungen offen bleibt; für die grenzüberschreitenden Aktivitäten zu Design, Mode und Kunsthandwerk u.a.m. könnten auch als Messeräume nutzbare Raumstrukturen sinnvoll sein; die Kunsträume der Zukunft müssen Kinder und Jugendliche von heute begeistern (das Kindermuseum im Louisana, DK, wäre hier beispielhaft!). Kurz die Räumlichkeiten müssen sich verschiedenen Anforderungen stellen, die in ihrer Gesamtheit einen Ort für die Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst definieren und im Detail flexibel nutzbar sind.

 

Werbeetat:

Eine internationale Ausstrahlung ist gewünscht und wird auch von „außen“ erwartet. Hierfür muss eine hinreichende Summe jährlich zur Verfügung stehen, um eine entsprechende Werbung mit Plakaten, Anzeigen u.ä. gewährleisten zu können. Die Ideen sollten nicht bei kunstfernen PR-Firmen in Auftrag gegeben werden, sondern unter Einbeziehung der künstlerischen und kreativen Energien vor Ort erfolgen, um neue Strategien zu erhalten.

 

Programm- und Produktionsetat:

Nur mit einem großzügig ausgestattetem Programmetat, der Planungssicherheit über mehrere Jahre gibt, kann es zu beeindruckenden Produktionen oder Ausstellungen kommen, die unverwechselbar von der Kunsthalle ausgerichtet wurden, mit denen sie in Kooperation mit großen Häusern anderer Metropolen zusammen realisieren kann. Die Möglichkeit, für den Ort zu produzieren, kann ihm einen unverwechselbaren Charakter geben, der sich ins Gedächtnis des Publikums einschreiben wird. Die Faszination der vielfach zitierten Arbeit „The Weather Project“ von Olafur Eliasson in der Tate Modern beruht auf dieser Einheit von künstlerischer Produktion und Intervention in vorhandenen Kontext.

 

Personalausstattung:

Unabhängig von der üblichen Personalausstattung sollten in zwei Bereichen, die oft in den Planungsstadien vergessen werden oder wenig Beachtung erfahren, besondere Schwerpunkte gesetzt werden, die in den unmittelbarem Kontext zur aktuellen Debatte um neue Formen der Kunstvermittlung gehören.

Aufsicht - Art Speaker

Auf keinen Fall sollte das Personal, das in ständigem und direkten Kontakt zu den BesucherInnen steht, outgesourct oder mit 1-Euro-Kräften besetzt werden. Geschultes Personal, dass nicht nur beaufsichtigt, sondern auch Auskunft gibt, Informationen bereithält, qualifiziert wird im Zusammenhang mit den Ausstellungsprojekten, muss integraler Bestandteil der finanziellen, personellen und organisatorischen Planungen sein.

Kunstvermittlung – Art education

Vergleichbar mit der z.B. in Großbritannien bereits lange praktizierten Integration der Kunstvermittlung in das Programm der Kunstinstitutionen, die keine Förderung ihrer Programme erhalten ohne vermittelnde begleitende Praxis, muss eine Neugründung in Berlin diesem Beispiel folgen und die Kunstvermittlung als gleichberechtigten und unverzichtbaren Bestandteil der Konzeption begreifen. Entsprechende finanzielle Absicherung ist notwendig.

 

Künstlerische Leitung:

Die/das künstlerische Leitung/s-Team entscheidet und verantwortet die Konzeption und das Programm. Die Autonomie ist zu gewährleisten, da nur so die Institution auch Partner für künstlerische Strategien und Ideen werden kann, die noch nicht den Rezeptionsgewohnheiten entspricht und durchaus auch Freiräume benötigen, um durchaus auch provozierende Werke zu entwickeln.

 

Förderung und Finanzierung einer neuen Einrichtung:

Die Förderung und Finanzierung der Berliner Kunsthalle muss auf der Grundlage einer klaren Aussage für eine unabhängige Absicherung dieser Einrichtung erfolgen. Jedwede Überlegung, sie auf Kosten bestehender Kunsteinrichtungen Berlins, die seit Jahrzehnten die kreative Szene unterstützen, die zeitgenössische Kunst fördern und so überhaupt die kulturell-künstlerische Atmosphäre Berlins ausfüllen- und dieses oft mit schlecht abgesicherten und unzureichenden Etats – ist abzulehnen. Im Gegenteil: parallel zur Institutionalisierung der Kunsthalle muss an der Konsolidierung vorhandener Kunstinstitutionen gearbeitet werden.

 

Der Ort:

Nur, wenn es ein klares Bekenntnis zu dieser Absicherung in einer Weise gibt, die einer Kunsthalle die angemessene Verortung im internationalen Kontext ermöglicht und sie von Anfang an als solide ausgestattetes Haus institutionalisiert, ist die Idee einer Neugründung, die Idee der Berliner Kunsthalle zu vertreten.

 

Sollten diese Voraussetzungen gegeben sein, wäre die Verortung der Kunsthalle in der Blumengroßmarkthalle in Kreuzberg ein optimale und anzustrebende Lösung. Die architektonischen Gegebenheiten scheinen mit einem intelligenten architektonischen Umbau mit vergleichsweise geringeren Mitteln möglich als ein Neubau. Die stadträumliche Einbindung ist geradezu ideal durch die Nähe zu vorhandenen Kunst- und Kultureinrichtungen – Jüdisches Museum, Berlinische Galerie, HAU 1,2,3, Martin-Gropius-Bau, zahlreiche Galerien, NGBK, Kunstraum/Bethanien, Tempodrom und viele andere mehr.

 

© Leonie Baumann, Mai 2008


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