„Kunsthalle: Konzept und Perspektiven“
Als Stadt der Bildenden Künste, als Stadt der Künstlerinnen und Künstler hat Berlin Weltruf, ist zur Zeit ihr wichtigster Ort. Um so größer klafft die Lücke im institutionellen Leistungsprofil der Stadt: Ein Ort, an dem sich die Vielfalt des künstlerischen Schaffens der Stadt, ihre extrem hohe, kreative Kraft spiegelt, fehlt. Berlin braucht ein Forum, das Kunst aus Berlin in den internationalen Kunstbetrieb exportiert. Berlin ist zunehmend der Arbeits- und Lebensmittelpunkt zahlreicher namhafter Künstlerinnen und Künstler. Sie können von der Hauptstadt nicht angemessen präsentiert werden.
Die Kunsthalle ein Experimentierfeld für Kunst aus Berlin
Berlin braucht keinen erneuten musealen Ort, sondern ein Experimentierfeld für die Kunst, eine Probebühne, ein Testfeld mit hohem Qualitätsanspruch. Hier geht es um die Demonstration von Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein, um die Darstellung der Produktion von “Innen“ und nicht nur um den Zugewinn eines Schauplatzes für Ausstellungsübernahmen oder künstlerischer Produktion von “Außen“. Dafür stehen Häuser wie der Hamburger Bahnhof, die Neue und Alte Nationalgalerie, der Gropiusbau und die Kunstvereine zur Verfügung.
Das Wesentliche der Kunsthalle für Berlin ist, der Kunst aus Berlin ein Forum zu bieten. Die frequentierten Galerien in Berlin beweisen ein hohes internationales Niveau und großen Zuspruch. Der Bedarf von weiteren Ausstellungsmöglichkeiten für die zeitgenössische Bildende Kunst in und aus der Stadt ist unstrittig. Geeignete Orte fänden sich in der Nähe des Hamburger Bahnhofs in Mitte ebenso wie in der Nähe des Jüdischen Museums/Berlinische Galerie (der ehemalige Blumengroßmarkt) in Kreuzberg.
Unabhängigkeit ist öffentliche Aufgabe
Die Kunsthalle, soll sie dem Rang der Berliner Kunst angemessen sein, muss Maßstäbe setzen können. Die Vielfältigkeit der Berliner Kunst erfordert deshalb ihre Entsprechung in einer Vielfältigkeit kuratorischer Strategien und Ausstellungskonzepte, die in der Kunsthalle ebenso möglich sein muss, wie Mut, Entdeckerfreude und Risikobereitschaft ihrer Ausstellungsprogramme. Diese qualitativen Ansprüche an eine Kunsthalle setzen ihre Unabhängigkeit voraus. Sie ist deshalb eine öffentliche Aufgabe, die auch öffentlich finanziert und verantwortet werden muss.
Alle Erfahrungen, so auch die aktuelle Diskussion über den Hamburger Bahnhof, machen deutlich, dass gerade die zeitgenössische bildende Kunst nicht privaten Interessen oder Events kommerzieller Art untergeordnet werden darf. Mäzenatisches Engagement, wenn ansprechbar, darf und muss öffentliches Engagement ergänzen, aber nicht ersetzen.
Der Betrieb einer temporären Halle für einen überschaubaren Zeitraum von wenigen Jahren kann möglicherweise mit Projektfördermitteln realisiert werden und ist als Anschub sinnvoll. Eine dauerhafte Einrichtung setzt die institutionelle Förderung des Landes voraus. Ihr muss eine breite öffentliche Diskussion über Zielsetzung und Konzept einer Kunsthalle vorausgehen. Der Berliner Sachverstand muss dafür mobilisiert werden.
Ein wechselndes Gremium für die Leitung
Der Widerspruch zwischen dem Exportgedanken, der für die Stadt ein strategisch entscheidender Aspekt ist und dem Ziel einer repräsentativen Spiegelung der Vielfalt der Gegenwartskunst in Berlin, muss bewusst ausgehalten und gestaltet werden.
Die Schauplätze künstlerischer Aktivitäten in Berlin sind sehr heterogen, mit einer hohen Konzentration internationaler Künstler mit unterschiedlichen inhaltlichen und formalen Orientierungen unter Nutzung aller erdenklichen Medien. Um dieses Bild angemessen reflektieren zu können, sollte ein Beirat einem wechselnden kuratorischen Gremium die Ausstellungsplanung und Durchführung für jeweils zwei/drei Jahre übergeben. Das wäre eine Garantie für die direkte Zusammenarbeit mit sehr unterschiedlichen Künstlerinnen und Künstlern, die in und mit der Stadt arbeiten und in verschiedenen Szenen auftreten.
Multifunktionalität des Ortes
Konzeptionelle Orientierung könnte z. B. das Palais de Tokyo in Paris bieten, ein Ort mit Projektionsräumen für temporäre Projekte, Einzelpräsentationen und Gruppenausstellungen, Musikveranstaltungen, Lesungen, ein sich durch Gleichzeitigkeit und spartenübergreifende Veranstaltungen auszeichnender Ort.
Baulich wäre für eine Kunsthalle ein multifunktional und parallel zu nutzendes Raumensemble (mit entsprechendem Personalansatz) zwingend erforderlich. Diesem könnte der zunächst temporär geplante Kubus vom Schlossplatz sinnvoll später beigeordnet werden. Ganz umsonst wird eine wirklich funktionierende Kunsthalle nicht zu haben sein.
Eine Kunsthalle mit Bildungsauftrag
Eine Stätte des künstlerischen Austauschs und des Prozesshaften erfüllt auch wesentlich den nicht minder wichtigen Aspekt eines Bildungsauftrag und der Kunstvermittlung. In der zeitgenössischen Kunstproduktion, wie Bildende Kunst, Musik, Film, Theater oder Performances, finden sich neue ästhetische und soziale Perspektiven, die im Kontext unserer Kulturgeschichte hohe Relevanz für die gesellschaftliche Entwicklung haben. Uns fehlen Orte, die im institutionellen Rahmen die Nähe zur künstlerischen Produktion halten, und so z. B. junge Menschen einbeziehen und daran teilhaben lassen. Eine Kunsthalle, in der Prozesse sichtbar, und nicht nur Ergebnisse zur Schau gestellt werden, könnte sehr wohl auch ein Ort des Austauschs zwischen den Generationen werden - ein Gesichtspunkt, der mehr und mehr an Bedeutung erlangen wird.
Selbststeuerung
Entsprechend wäre der innere Trägerkreis zu strukturieren. Das Kunstschaffen in Berlin sollte hier seinen entscheidenden Einfluss geltend machen, das heißt, dem Prinzip maximaler Selbststeuerung und Selbstverantwortung den Weg zu öffnen.
© berufsverband bildender künstler Berlins e.V., April 2008

